Grossverteiler und Pestizide

Wir leben in einer Welt voller Gifte. In Sachen Pestizidverbrauch sind wir Schweizer sogar Europameister. Lustigerweise verletzt das unsere Bundesverfassung. Es gäbe viel zu sagen, aber eigetlich ist alles gesagt: Wir vergiften unsere Umwelt und führen damit den ökologischen Kollaps herbei. Nachhaltigkeit ist zwar bei allen Grossverteilern voll im Trend, aber sind die grossartigen Versprechen mit der Realität kohärent? Wir haben Migros, Coop und Landi gebeten, Pestizide aus dem Sortiment zu nehmen weil wir uns nicht vorstellen können, dass der Verkauf der Gifte für die drei Unternehmen lebenswichtig ist. Ein Verzicht auf diese Killer ist aber für unsere Umwelt lebenswichtig und könnte von Migros, Coop und Landi schmerzfrei unterstützt werden.

Also haben wir geschrieben.

Liebe Migros

Wie kannst du es verantworten, mit dem Verkauf von Pestiziden den
ökologischen Kollaps zu fördern? Bitte nimm sofort alle Umweltgifte aus
deinem Sortiment. Auch wenn sie zugelassen sind.

Nachhaltige Grüsse
Thomas Flück

PS: Diese E-Mail und deine Antwort wird publiziert.

Lieber Coop

Wie kannst du es verantworten, mit dem Verkauf von Pestiziden den
ökologischen Kollaps zu fördern? Bitte nimm sofort alle Umweltgifte aus
deinem Sortiment. Auch wenn sie zugelassen sind.

Nachhaltige Grüsse
Thomas Flück

PS: Diese E-Mail und deine Antwort wird publiziert.

Liebe Landi

Wie kannst du es verantworten, mit dem Verkauf von Pestiziden den
ökologischen Kollaps zu fördern? Bitte nimm sofort alle Umweltgifte aus
deinem Sortiment. Auch wenn sie zugelassen sind.

Nachhaltige Grüsse
Thomas Flück

PS: Diese E-Mail und deine Antwort wird publiziert.

Antwort von Migros

Sehr geehrter Herr Flück

Besten Dank für Ihre Anfrage bzw. Ihr Feedback.

Die Migros setzt sich stark dafür ein, dass weniger Chemikalien im Hobby-Gartenbau eingesetzt werden. Im Rahmen von Generation M haben wir versprochen, den Anteil an biologischen Düngern, Erden und Pflanzenschutzmitteln bis 2020 zu verdoppeln. Im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel des Bundes finden zudem Diskussionen in Richtung der Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln statt. Auch die Migros bringt sich dazu aktiv ein.

Zum jetzigen Zeitpunkt erachten wir deshalb einen Totalausstieg aus dem Bereich Pflanzenschutzmittel im Alleingang als nicht zielführend. Viele Kundinnen und Kunden fragen diese immer noch nach. Wir bieten aber, wo immer möglich, eine biologische/natürliche Alternative.

Alle Produkte genügen strengen Richtlinien, welche die Migros gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) entwickelt hat und weit über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus gehen. Im Weiteren überprüft die Migros ihr Sortiment regelmässig und handelt, sollten Erkenntnisse darauf hinweisen, dass gewisse Wirkstoffe Mensch und Umwelt beeinträchtigen können.

Ich hoffe das bringt Sie weiter.

Freundliche Grüsse

Alexandra Kunz
Mediensprecherin / Projektleiterin Nachhaltigkeitskommunikation

Wir finden

Nein, schön verpackte Rechtfertigungen bringen uns nicht weiter. Sie wirken nicht gegen den Biodiversitätsverlust. Typischer Fall von Worten statt Taten.

Supplement

Ganz unerwartet haben wir dann nocmals post von der Migros bekommen. Von der «Direktion Wirschaftspolitik» höchstselbst. Da stand:

Sehr geehrter Herr Flück

Wir beziehen uns auf Ihr Anliegen vom 20.06.2019 08:16:15.

Die Abklärung dauert noch etwas länger.

Wir sind bestrebt, Ihnen unsere Antwort so rasch wie möglich zukommen zu lassen.

Freundliche Grüsse

Migros-Genossenschafts-Bund
Direktion Wirtschaftspolitik
M-Infoline

Hm …?

Ja, reden die denn nicht miteinander? Aber gut, warten wir’s ab, was die Direktion zu sagen hat.

Hier die Antwort:

Sehr geehrter Herr Flück

Vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme.

Ergänzend zu unserer ersten Antwort können wir noch die folgenden Informationen anfügen. Bereits vor einigen Jahren haben wir alle glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel aus unserem Garten-Sortiment gestrichen. Wir setzen uns weiter für einen grösseren Anteil biologischer Pflanzenschutzmittel in unserem Sortiment ein.

Greenpeace identifizierte 2013 sieben kritische Wirkstoffe in Pflanzenschutz- und Insektenmitteln, welche man aufgrund seiner bienenschädlichen Wirkung möglichst ersetzen sollte. Die Migros führte damals zehn Mittel, welche die besagten Wirkstoffe enthalten. Wir haben alle ausgelistet und führen sie nicht mehr.

Wir arbeiten intensiv mit IP-Suisse- und Bio-Produzenten zusammen. Sie alle erfüllen wichtige Massnahmen zugunsten der Biodiversität.

Die Regelungen des Bundes sind für uns die Basis, an der wir uns orientieren und wenn möglich darüber hinaus gehen. Sollten Sie mit den Zulassungsentscheiden des Bundes nicht zufrieden sein, empfehlen wir Ihnen, sich dort zu melden.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag.

Ihre Meinung ist uns wichtig! Schenken Sie uns maximal 3 Minuten Ihrer Zeit und helfen Sie uns, unsere Servicequalität für Sie zu verbessern. Vielen Dank für Ihre Mithilfe!
Umfrage

Freundliche Grüsse

Andrea Gross
Kundenberaterin M-Infoline

Migros-Genossenschafts-Bund
Direktion Wirtschaftspolitik
M-Infoline

Unsere Antwort darauf

Sehr geehrte Frau Gross

Danke für Ihre ergänzende Stellungnahme. Natürlich anerkennen wir, dass die Migros in Sachen Pestiziden nicht ganz passiv ist. Wir verstehen auch, dass sie sich an einer Referenz – der Zulassungsstelle für Pflanzenschutzmittel des BLW – orientieren muss. Nun wissen wir aber, dass diese Behörde nicht über alle Zweifel erhaben ist. Umweltschutzverbände fordern darum schon lange eine unabhängige Zulassungsstelle.

Wenn wir uns die lange Liste zugelassener Wirkstoffe anschauen, stellen wir fest, dass beispielsweise Chlorpyrifos zugelasse ist und in 17 Handelsprodukten verkauft werden darf. Chlorpyrifos ist ein sehr naher Verwandter des Kampfgases Sarin. Die offizielle Liste in der Schweiz zugelassener Pflanzenschutzwirkstoffe ist also fragwürdig. Sie steht in der Kritik, wirtschaftliche Interessen höher zu gewichten als ökologische.

Wer sich, wie die Migros, in der Sortimentsplanung auf diese zweifelhafte Liste beruft, schiebt Verantwortung ab und stellt ebenso wirtschaftliche Interessen über ökologische. Wir finden das in Zeiten, in denen auch in der Schweiz über 18’000 Arten akut vom Aussterben bedroht sind, verantwortungslos. Zehn Jahre bleiben uns, den ökologischen Kollaps abzuwenden. Die dringenden Appelle der Klimaforscher und Ökologen, sofort zu handeln, richten sich nicht nur an die Politik, sondern ebenso an Grossunternehmen wie die Migros. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Zurich Versicherungen. https://www.zurich.com/en/corporate/media/news-releases/2019/2019-0625-01

Nachhaltige Grüsse
Thomas Flück

Antwort von Migros

Sehr geehrter Herr Flück

Vielen Dank für Ihre Antwort, die wir gerne zur Kenntnis nehmen.

Wir versichern Ihnen, dass wir am Pestizid-Thema dranbleiben. Zu Ihrer Information finden Sie unter diesem Link abschliessend den Beitrag der Migros zur Erreichung der SDG.

Wir hoffen, dass unsere Stellungnahme für Sie hilfreich ist, und wünschen Ihnen eine schöne Sommerzeit!

Freundliche Grüsse

Pascale Schwarz
Kundenberaterin M-Infoline

Migros-Genossenschafts-Bund
Direktion Wirtschaftspolitik
M-Infoline

Wir sagen:

Ziele zu unterschreiben ist leicht. Sie ernsthaft erreichen zu wollen braucht Handlung. Davon sehen wir sehr wenig. Wir unterstützen folgenden Vorschlag zur Produktedeklaration: https://community.migros.ch/m/Forum-Migipedia/Kennzeichnung-f%C3%BCr-NICHT-Bio-Andersrum-bitte/td-p/697678

Und wir fordern die Internalisierung externer Effekte. Das ist das wirkssamste marktwirtschaftliche Mittel zur Erreichnung der Sustainable Development Goals (SDGs) der UNO.

Antwort von Coop

Mit etwas Verspätung antwortet uns Coop:

Sehr geehrter Herr Flück

Besten Dank für Ihre Mitteilung. Bitte entschuldigen Sie die verspätete Antwort. Aufgrund einer internen Abwesenheit konnte ich Ihr Mail nicht früher beantworten. Das tut uns leid.

Gerne können wir zu Ihrem Anliegen folgende Angaben machen:

Coop ist eine Grossverteilerin, welche allen Kundenwünschen nachkommen will und ihre Kunden nicht bevormunden möchte. Coop berücksichtigt, dass einem Kaufentscheid verschiedene Kriterien zu Grunde liegen können. Dabei ist es allerdings sehr wichtig, dass Konsumentinnen wählen und aufgrund der vollständigen Informationen darüber entscheiden können, ob ein Produkt für Sie in Frage kommt oder nicht. Wahlfreiheit wird durch unser grosses Angebot gegeben.
Coop ist sich der grossen Tragweite der Problematik der Pestizide bewusst und geht offensiv an diese Thematik. Nachhaltigkeit ist uns in Bezug auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Schutz der Umwelt, sozialer Verantwortung und Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte als Basis sehr wichtig.
Coop Bau+Hobby war vor Jahren der Erste, der den Verkauf von Round Up mit dem Inhaltsstoff Glyphosat und viele weitere Unkrautvernichter aus dem Sortiment verbannte.
Wir bieten Pestizide noch im Sortiment an, weil diese sehr stark von den Kunden nachgefragt werden. Zudem besteht kein Verkaufsverbot für diese Produkte. Coop hält sich an die Freisetzungs-Verordnung vom Bund.
Coop Bau+Hobby will mittel- bis langfristig der nachhaltigste Baumarkt der Schweiz werden und wir setzen alles daran, dieses Ziel zu erreichen. Aus diesem Grund werden wir den Anteil an nachhaltigen Produkten in den kommenden Jahren gezielt ausbauen.

Wir hoffen, dass wir mit diesen Zeilen die Situation klären konnten und würden uns freuen, Sie trotz dem weiterhin in als treuen Kunden in unseren Bau+Hobby Verkaufsstellen begrüssen zu dürfen.

Mit den besten Wünschen für schöne Sommertage senden wir
Freundliche Grüsse
Coop
Monika Peyer
Kundendienst Bau+Hobby

Wir finden

Sehr geehrter Frau Peyer

Danke für Ihre ausführliche Antwort. Ich verstehe, dass Sie Ihre Praxis – so gut es eben geht – verteidigen müssen. Sie verstehen sicher auch, dass ich diese Praxis dennoch verwerflich finde. Sie wissen bestimmt, dass die Zulassungsstelle für Pestizide schwer in der Kritik steht, Wirkstoffe nach wirtschaftlichen Interessen und nicht nach ökologischen Kriterien zuzulassen. Wer sich also auf die Liste der Zulassungsstelle beruft, handelt zwar legal aber dennoch verantwortungslos. So löblich es ist, Glyphosat ausgelistet zu haben: Coop verdient viel, viel Geld mit der Vernichtung unserer Biodiversität. Das ist um so verwerflicher, als dies gemäss Verfassung gar nicht erlaubt sein dürfte. https://www.zeitwandel.ch/temporary-title-14545/ Besonders interessant, weil vielleicht eines Tages teuer, könnte Artikel BV SR 101, Art 74, Abs. 2 für Sie werden.

Unter Berücksichtigung des Zustandes der Biodiversität in der Schweiz (https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/biodiversitaet/fachinformationen/zustand-der-biodiversitaet-in-der-schweiz.html) ist es pharisäisch, einerseits ökologisch, nachhaltige „Taten statt Worte“ zu publizieren und andererseits bewusst Geld mit dem Vernichten der Natur zu verdienen.

Die Politik ist langsam; viel zu langsam. Verantwortungsbewusste Unternehmen sollten eine Vorbildfunkltion leben, in dem sie freiwillig Produkte aus dem Sortiment nehmen, die unsere Ökosysteme erwiesenermassen dramatisch schädigen. Denn letztlich ist unsere Welt in diesem desolaten Zustand und treibt auf den ökologischen Kollaps zu, weil wir immer gemacht haben, was erlaubt ist.

Handeln Sie. Drastisch. Noch nie war Ihre Chance für einen totalen ökologischen Paradigmenwechsel zu gut, wie in diesen Monaten.

Nachhallende Grüsse
Thomas Flück

PS: «Dabei ist es allerdings sehr wichtig, dass Konsumentinnen wählen und aufgrund der vollständigen Informationen darüber entscheiden können, ob ein Produkt für Sie in Frage kommt oder nicht.» Vollständige Informationen. Bitte vervollständigen Sie sofort alle Produktedeklarationen mit: Zur Herstellung eingesetzte Pestizide, Verwendete Wachstumsförderer und Antibiotika, Anzahl Tonnen emittiertes CO2 etc.

PPS: Sie finden die Publikation Ihrer Stellungnahme hier:

 

Antwort von Landi

Guten Tag Herr Flück

Vielen Dank für Ihre Anfrae.

Wir bieten im Bereich Pflanzenschutz, als Alternative zu den herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln, Bio-Produkte und verschiedenste Abdeckungsmaterialien an. Diese Alternativen fördern wir sehr stark durch regelmässige Bewerbung.

Wir hoffen Ihnen mit diesen Angaben zu dienen.

Freundliche Grüsse,

LANDI Schweiz AG

Sandra Siegenthaler

Kommunikation

Wir finden

Nein, das dient uns und der Umwelt schon gar nicht. Fail!

Fazit

Die drei Grossverteiler rüsten lieber ihre Kommunikationsabteilungen auf als ihr Giftarsenal ab. Gewinne auf Kosten der Umwelt sind erstrebenswert. Möglich ist das, weil niemand in diesem Land die Verfassung durchsetzt.

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